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Doris Dörrie - Happy Robert Louis Stevenson - Dr. Jekyll und Mr. Hyde Ian Mc Ewan - Saturday Kim Edwards - Die Tocher des Fotografen Marian Keyes - Erdbeermond Gioconda Belli - Das Manuskript der Verführung Jodi Picoult - Die Wahrheit meines Vaters Jodi Picoult - Beim Leben meiner Schwester |
Hannah liest... |
![]() Doris Dörrie Happy Ein Drama Diogenes Taschenbücher ISBN: 3257233558 |
Drei befreundete Paare treffen sich. Was früher noch
unkomplizert und spontan war, wird mit zunehmendem Alter schwieriger
und verkrampfter. Das Gastgeber-Paar Charlotte und Dylan führen scheinbar ein Luxus-Leben, da Dylan durch ein geschicktes Händchen an der Börse zu Geld gekommen ist. Doch unter der perfekten Fassade bröckelt es gewaltig, Geld allein macht eben nicht glücklich.
Anette und Boris kommen nicht schlecht mit sich zurecht, doch auch bei
ihnen nagt der Zahn der Zeit an der Beziehung. Was hält sie
eigentlich noch aneinander?
Emilia und Felix sind frisch getrennt und stehen finanzell gerade nicht
allzu gut da, das Zusammentreffen mit ihren Paar-Freunden macht
ihnen zu schaffen, da diese haben, was ihnen fehlt: eine intakte
Beziehung und Geld.Alle sechs sind angespannt, denn sie wollen auf keinen Fall etwas falsch machen vor ihren Freunden Blösse zeigen. Und gerade dieser verkrampfte Blick auf die jeweils Anderen provoziert eine absurde Kostümierung. Jeder setzt die Maske auf, zieht die Kleidung an, von der er denkt, dass er vor den Anderen besser dasteht. "Was ist nur aus uns geworden? Vor einem Jahr haben wir noch zusammen in Jeans Pizza gegessen", so Charlotte. Doch jetzt ist alles anders. Nichts passt mehr zusammen in diesem Theaterstück. Die Kulisse hat sich verändert, Requisiten sind vertauscht worden und auch die Akteure tun sich schwer miteinander. Aus diesem falschen Spiel entsteht ein ernstes. Emilia fragt die anderen: "Wusstet ihr, dass selbst Paare, die über zwanzig Jahre zusammenleben, noch nicht mal die Hände des anderen identifizieren können?" Mit geschlossenen Augen könnten sie nicht einmal den nackten Körper ihres Partners erkennen. Das können die eingefleischten Paare Charlotte und Dylan und Anette und Boris nicht glauben und wetten dagegen.... Eine verherende Entwicklung beginnt. Mit der Kleidung fällt auch ihre Kostümierung, Verborgenes tritt zutage und es zeigt sich, wo die wahre Anziehung der Partnerschaft liegt. Beim Lesen dieses Buches nimmt man unmittelbar am Geschehen teil. Die Autorin erzählt die Geschichte in temporeichen Dialogen und setzt die Szenen in Theatermanier auf, was einem das Gefühl gibt, wirklich zu sehen und zu fühlen, was sich da zwischen den einzelnen Personen abspielt. Mit einem Kloss im Hals liest man weiter und ahnt, dass sich die Situation immer mehr zuspitzen wird, nur allzu bekannt sind einem die Empfindungen und Fragen, welche auch die Figuren beschäftigen. Sind wir nicht alle ab und zu verkleidet und fehl am Platz? Sind wir nicht auch schon mal aus einem vertrauten Freundeskreis herausgewachsen und haben krampfhaft versucht die frühere Vertrautheit herbeizuzwingen? Fragen wir uns nicht alle ab und zu, was es eigentlich ist, was unseren Partner unverwechselbar macht? Was es ist, was uns an ihn bindet? Ob er auswechselbar wäre? Dies ist ein Buch, das einen Spot auf unser eigenes Leben wirft und uns animiert, auch einmal hinter die Fassade zu schauen. |
![]() R. L. Stevenson Dr. Jekyll und Mr. Hyde Diogenes Verlag ISBN: 3257228686 |
Was uns heute
längst aus der psychologischen Lehre Sigmund Freuds und C.G.
Jungs bekannt ist, beschäftigete auch den Schriftsteller Robert
Louis Stevenson in seinem Roman, der 1886 erschien: „dass der
Mensch in Wahrheit nicht eins, sondern wahrlich zwei ist.“
Im viktorianschen Zeitalter, wo das Ansehen und der Ruf in der Gesellschaft einen grossen Stellenwert hat, ist der Anwalt Utterson um seinen guten Freund Henry Jekyll besorgt. Dieser pflegt offenbar Umgang mit einem gewissen Mr. Hyde, über den furchteinflössende Geschichten kursieren. Jeder der ihm begegnet, erschauert ob seiner Erscheinung, er ist eine durch und durch unangenehme Kreatur, obgleich keiner recht zu benennen mag, was nun genau an ihm so abstossend ist. Um zu verhindern, dass Jekyll durch die dunklen Machenschaften Hydes in einen Skandall verwickelt wird, beschliesst Utterson, einige Nachforschungen anzustellen. Er staunt nicht schlecht, als er Jekylls Testament entnimmt, „dass im Falle seines Ablebens sein gesamtes Vermögen den Händen seines Freundes und Wohltäters Edward Hydes zu übergeben sei“, zudem soll er auch im Falle des „Verschwindens oder ungeklärter Abwesenheit Dr. Jekylls für länger als drei Kalendermonate“ an die Erbschft gelangen. Als wenig später ein Mord an einem hochgestellten Parlamentsmitglied geschiet und Zeugen ohne Zweifeln Mr. Hyde als den Mörder identifizieren, fürchtet Utterson auch um das Leben seines Freundes. Doch Hyde ist und bleibt verschwunden, und der gute Dr. Jekyll schwört seinem Freund, dass er Hyde nie mehr wieder sehen wolle... Jedem dürfte heute bekannt sein, dass Henry Jekyll und Edward Hyde ein und dieselbe Person sind. Doch sind sie das wirklich? In seinem tiefsten Wesen zwiespältig, darf der angesehene, gutherzige Dr. Jekyll in der herrschenden Gesellschaft seine lasterhafte, dunkle Seite nicht ausleben. Da er jedoch auch diese Sphäre seiner Persönlichkeit ernst nehmen will, entschliesst er sich zu einem waghalsigen, chemischen Experiment, welches seine beiden Naturen in gesonderte Persönlichkeiten aufspaltet. Was sich am Anfang als befreiendes Erlebnis anfühlt, wird nach und nach zu einem Albtraum. Denn Mr. Hyde transformiert sich nun immer öfter aus Dr. Jekyll, als es diesem lieb ist: „Jetzt jedoch, [...], erkannte ich, dass, während zu Anfang die Schwierigkeit bestanden hatte, den Leib Jekylls abzuwerfen, sich das später, ganz allmählich, aber entschieden gerade ins Umgekehrte gewandelt hatte.“ Von seinem bösartigen Persönlichkeitsanteil übermannt, nimmt die Tragödie ihren Lauf, die nur der Tod beenden kann. Beim Lesen dieses Buches wird einem sehr bald klar, dass man ein literarisches Meisterwerk vor sich hat. Stevensons Erzählungen sind so eindringlich und atmosphärisch dicht, so dass man sich inmitten des nebulösen Geschehens befindet und der Auflösung entgegenfiebert, obwohl man sie ja eigentlich kennt. Stevenson wusste ganz genau, welche Schlüsselworter dem Leser einen Schauer über den Rücken jagen. Tatsächlich legte Stevenson mit seiner Erzählung einen Grundstein zur modernen Horrorliteratur. Wenn man bedenkt, dass die Geschichte bereits über hundert Jahre alt ist, ist man doch beeindruckt über die atemberaubende Intensität, die man in manchen aktuellen Romanen vergeblich sucht. Psychologisch lässt dieses Buch weit blicken: während heute jedem bekannt ist, dass der Mensch über verschiedene (unterdrückte) Persönlichkeitsanteile verfügt, die einander im Idealfall das Gleichgewicht halten, so war diese Erkenntnis doch zu Stevensons Lebzeit erst in ihren Grundzügen vorhanden. Die Erzählung gibt einen Geschmack davon, was passiert, wenn eine herrschende Gesellschaftsnorm mit der menschlichen Natur nicht vereinbar ist und eine derartige Verstellung erzwingt. Dieses Stück faszinierender Weltliteratur lohnt sich unbedingt zu lesen und wirft selbst heute noch grundlegende Fragen auf. Schlummert nicht auch in uns ein Mr. Hyde? Wer mehr über Robert Louis Stevenson wissen will besucht http://de.wikipedia.org/wiki/Robert_Louis_Stevenson
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© by Hannah Keller 06.05.2007
[Zitate in "..." aus dem links genannten Buch]
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![]() Ian McEwan Saturday Diogenes Verlag AG ISBN: 3257064942 |
Der Klappentext zu diesem Buch hat mich
sehr neugierig gemacht:
Henry Perowne, Neurochirurg, 48, ist ein glücklicher Mann: Er hat Spaß an der Arbeit, beim Sex mit seiner Frau, liebt Musik und seine Familie, ißt gern und treibt gern Sport. Als wohlhabender Mann hat er ein wohlgeregeltes Leben. So scheint sein freier Samstag klar vor ihm zu liegen: Er wird Squash spielen mit seinem Kollegen. Dann will er Fisch kaufen und kochen für ein Festessen im Kreis der Familie. Dieser Samstag aber ist kein beliebiger Samstag, es ist der 15. Februar 2003. Mit seinem Mercedes S500 versucht Henry auf dem Weg zum Squash Hunderttausende von Demonstranten gegen den Irakkrieg weiträumig zu umfahren. In Gedanken versunken, rammt er den Seitenspiegel des roten BMWs eines Kleinganoven. Drei Typen steigen aus … So taucht man also ein in den Samstag des erfolgreichen Henry Perowne. Nach und nach lernt man seine Familie kennen: seine Frau, eine engagierte Anwältin, sein Sohn, ein talentierter Musiker, und die Tochter eine bereits gefeierte Lyrikerin. Alles scheint so perfekt, so unantastbar hinter einer Hochglanzfassade... Doch schon bald merkt man, dass Perowne in einer Zeit lebt, in der die Fassade der ganzen Welt bröckelt. Nach den beispiellosen Anschlägen vom 11. September 2001 ist der Anblick eines Flugzeugs nicht mehr nur harmlos, sondern weckt stets eine Flut von unheilvollen Bildern. Perowne sieht im Morgengrauen des anbrechenden Samstags ein brennendes Flugzeug notlanden und sofort assoziiert er damit Begriffe, wie sie uns heute allen geläufig sind: Terroranschlag, Märtyrerattaken, Krieg, Irak, Massenvernichtungswaffen. Und so beginnt Perownes Samstag ganz im Zeichen eines immerzu unterschwellig drohenden Unheils, das er, wie alle anderen Menschen doch so gerne aus seinem Leben ausblenden möchte, um einfach an seinem gewohnt ungestörten Alltag festzuhalten. Es kommt ihm gar nicht gelegen, dass er auf dem Weg zum Squash wegen der Friedensdemonstration eine Umfahrung nehmen muss und dabei in einen Zusammenprall mit einem anderen Auto gerät. Dieser Bruchteil einer Sekunde reicht aus, um sein Leben und das seiner Nächsten für immer zu verändern und Perowne sehr deutlich vor Augen zu halten, dass die Normalität nur allzu zerbrechlich ist. Um dieses Buch zu lesen muss der Leser einige Zähigkeit beweisen, denn zwischen den Schlüsselszenen lässt McEwan seinen Protagonisten immer wieder über die Welt sinnieren. So erhält man beispielsweise gekonnt geschilderte Reflexionen über Bluesmusik, Alzheimer, die Situation im Nahen Osten, Gehirnchirurgie, Tony Blair, Lyrik, neuro-degenerative Erkrankungen und die Zubereitung eines Fisch-Stews. Diese Passagen werden mit messerscharfer Präzision beschrieben, aber zum Teil so ausschweifend, dass es ermüdend oder manchmal sogar lachhaft wirkt. So zum Beispiel in einer Szene, in welcher Perowne sein Fischgericht kocht. „Einer der Rochen krümmt den Rücken, als wollte er aus dem kochenden Wasser fliehen. Henry drückt ihn mit einem Holzlöffel wieder hinunter und bricht ihm dabei die Wirbelsäule direkt unterhalb Th3.“ Natürlich erzählt McEwan die Geschichte aus Sicht dieses ständig diagnostizierenden und analysierenden Menschen und auf diese Weise erhält man auch diverse Denkanstösse zur eigenen Reflexion, doch wirkt es stellenweise sehr bemüht und bis zum Gähnen verlangsamend. Doch vielleicht ist gerade das der Zweck dieses Buches. Uns allen ist eigentlich der fragile Frieden unserer Normalität bewusst, wir wissen, dass nichts mehr so sicher ist, wie wir das bis vor einigen Jahren gewohnt waren, auch an unseren Tischen sind Gespräche über Terror, Fanatismus und Vernichtung zur Tagesordnung geworden. Und trotzdem halten wir nicht inne und betrachten ausgiebig, was wir alles in uns haben und genießen die kostbare Zeit, die einen Moment vom anderen trennt. Irgendwann kommt auch für uns ein „Saturday“ oder ein anderer Tag, an dem unsere Welt in einer Nanosekunde aus den Fugen gerät. Ich lege diese Buch mit gemischten Gefühlen aus der Hand. Es hat mich sehr angestrengt, es zu lesen und manchmal sogar geärgert. Doch mit mehr Abstand betrachtet, hat es mich dazu gebracht, mein eigenes Weltbild zu überdenken, mich mit der eigenen Vergänglichkeit zu beschäftigen. © by Hannah Keller 18.05.2007
[Zitate in "..." aus dem links genannten Buch] |
![]() Kim Edwards Die Tochter des Fotografen Kiepenheuer Verlag ISBN: 3378006803 |
Man schreibt das
Jahr 1964: Ausgerechnet mitten in einem Wintersturm setzen bei Norah
die Wehen ein. Ihr Mann, der Arzt Dr. David Henry entbindet sie
zusammen mit der Krankenschwester Caroline Gill von einem gesunden
Jungen. Doch dann geschieht etwas, womit niemand gerechnet hat: nach
wenigen Minuten kommt ein Mädchen zur Welt, nicht so perfekt wie
ihr Zwillingsbruder, sondern ganz offensichtlich mit dem
Down-Syndrom. Norah, mit Lachgas betäubt, bekommt von der
zweiten Geburt wenig mit, doch David erfasst die Situation
sekundenschnell. Belastet durch die Krankheit und den frühen Tod
seiner eigenen Schwester, was über ihn und seine Familie soviel
Leid und Entbehrungen gebracht hat, entscheidet er sich, seiner Frau
und seinem Sohn diesen beschwerlichen Lebensweg zu ersparen. Er lässt
die Tochter von der Krankenschwester in ein Heim bringen. Doch diese
bringt es nicht fertig, den Säugling in der trostlosen Anstalt
zu lassen und nimmt ihn mit sich. Seiner Frau erzählt David,
dass das Mädchen bei der Geburt gestorben sei.
Ein gewaltiges Netz an Lügen entspinnt sich nun daraus. Norah verkraftet den vermeintlichen Tod ihrer Tochter nicht, sie veranstaltet eine Trauerfeier, um ihrem Verlust Raum zu geben und mit der Tatsache klarzukommen, dass sie nie den toten Säugling zu Gesicht bekommen hat. David derweil ist entsetzt, welche Ausmaße die Trauer seiner Frau annimmt, er versucht sie aus der Depression zu holen und hält ihr den gesunden Sohn Paul vor Augen, mit dem sie doch zufrieden sein und ein schönes Leben als Familie aufbauen sollte. David versucht verzweifelt, den ruhigen Alltag herbeizuführen, den er sich immer für seine eigene Familie gewünscht hat. Doch sein Geheimnis holt ihn immer wieder ein. Er weiß, dass Caroline mit seiner Tochter Phoebe in irgendeiner amerikanischen Stadt wohnt und nicht gefunden werden will. Die Eheleute distanzieren sich voneinader, denn Norah fühlt sich von David nicht angenommen, sie kommt immer weniger an ihren Mann heran. David versteht seine Frau nicht und zieht sich vor ihr zurück, aus Angst, sein Geheimnis käme doch noch ans Tageslicht. Mehr und mehr zerbricht ihre Beziehung. Und der Sohn, der einmal alles Perfekte in sich vereinen sollte, stolpert auf seinem Lebensweg und kommt schwer mit den emotionalen Achterbahnfahrten seiner Eltern zurecht. Unterdessen ficht Caroline ihren eigenen Kampf als alleinerziehende Mutter einer behinderten Tochter in einer Zeit, wo für die Rechte behinderter Kinder kaum gesorgt war. Erst ein Vierteljahrhundert später klärt sich die Lebenslüge auf und hinterlässt viele Wunden. Diese eindringliche Geschichte wird aus verschiedenen Perspektiven erzählt. So liest man von Davids Ängsten und Erinnerungen, seinen Gewissensbissen und seinen verzweifelten und obszessiven Versuchen, Momente seines Wunschlebens als Fotografien festzuhalten. Man wird mit Norah durch ihre Depression geführt, auf die ihr Umfeld mit immer weniger Verständnis reagiert, man erlebt ihre Flucht in den Alkohol und später in verschiedene Affären. Aus der Sicht von Caroline erfährt man von der Überforderung, in die sie plötzlich geraten ist, von den Sorgen um ein Kind, für das alles ein bisschen schwerer und langsamer geht, von ihrem ermüdenden Kampf für ein gerechtes Leben für das Mädchen und den Ängsten, eines Tages doch von der Vergangenheit eingeholt zu werden. Später wird durch den Sohn Paul eine verwirrende Teenagerzeit heraufbeschworen, in der er sich gegen den Perfektionsanspruch seines Vaters durchsetzen muss, die häufige Abwesenheit seiner Mutter kompensiert und er sich aus dem Schatten seiner toten Schwester zu einer eigenständigen Identität herausarbeiten muss. Der Anfang der Geschichte wird sehr spannend erzählt. Die Figuren sind sensibel gezeichnet, der Leser kann sich gut in die einzelnen aufgewühlten Personen einfühlen und nachvollziehen, was sie beschäftigt. Mit dem Verlauf der Handlung wird die Erzählung etwas langatmiger, hie und da werden die Emotionen für meinen Geschmack etwas zu dick aufgetragen und auch die Glaubwürdigkeit dieser ganzen verworrenen Lebensläufe lässt oftmals zu wünschen übrig. Der englische Titel „The memory keeper's daughter“ ist für dieses Buch viel bezeichnender als der deutsche. Denn damit drückt sich am besten Davids besessenes Fotografieren, sein festhalten von kostbaren Momenten aus. Auch als seine Frau nach seinem Tod einen Karton voller Mädchenbilder findet wird ihr klar: „Es schien, als hätte er überall nach ihr gesucht – in jedem Mädchen, in jeder jungen Frau – und sie nie gefunden.“ Am Schluss des Buches fragt sich der fünfundzwanzigjährige Paul angesichts seiner Schwester: „Was, wenn sie ohne Behinderung auf die Welt gekommen wäre? Was, wenn ihr Vater sie so, wie sie war, nicht an Caroline Gill übergeben hätte?“ Tatsächlich sind dies Fragen, die in mir schon ziemlich früh aufgetaucht sind. Was wäre gewesen, wenn ... ? Wäre es wirklich so schlimm gekommen für die junge Familie, wenn das Mädchen bei ihnen aufgewachsen wäre? Hätte es die Beziehung trotzdem zerstört? Wäre Paul ein andere Mensch geworden mit einer behinderten Schwester an der Seite? Hätten die Henrys ebenso für die Rechte von Phoebe gekämpft wie es Caroline tat? Wäre aus Phoebe eine ebenso selbstständige und lebensfrohe junge Frau geworden? Was wäre aus Caroline geworden? Es sind Fragen, die wir uns auch in unseren eigenen Leben stellen: Was wäre gewesen, wenn ich mich damals anders entschieden hätte? Und die Antwort, die wir uns geben müssen und auch bei dieser Geschichte die einzig Richtige ist, lautet: „Alles was wir haben, ist das Hier und Jetzt“ © by Hannah Keller 20.05.2007
[Zitate in "..." aus dem links genannten Buch]
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![]() Marian Keyes Erdbeermond Heyne Verlag ISBN: 3453405013 |
Schon beim Prolog dieses Buches spürt
man, das da irgend etwas geheimnisvolles im Gange ist.
„Und da verstand ich alles“, so lautet der letzte Satz der Einleitung. Bis der Leser von Marian Keyes „Erdbeermond“ dahinterkommt, was die Protagonistin Anna Walsh versteht, muss er in ihre turbulente Welt eintauchen. Nach einem schweren Autounfall erholt sich Anna zu hause in Irland bei ihrer skurrilen Familie. Nach und nach erfährt man mehr von den Eltern Walsh, Annas drei älteren Schwestern und deren Partnern sowie der jüngeren Schwester Helen, die als eine Art Privatdetektivin in verschiedenen Gebüschen herumhockt und Leute beobachtet. Alle sind bemüht, Anna die Rückkehr zur Normalität so einfach wie möglich zu gestalten – was fast unmöglich ist, da alle Familienmitglieder mit ihren eigenen Ausgeflipptheiten beschäftigt sind. In Rückblenden taucht man ein in Annas Welt vor dem Unfall, die romantische Liebesgeschichte von Anna und ihrem Mann Aidan wird erzählt, und um die beiden herum lernt man weitere witzige und durchgeknallte Figuren kennen. Als Anna nach ihrer Erholungsphase zu ihrem Job als Beauty-PR-Frau nach New York zurückkehrt und so schnell wie möglich wieder in ihren gewohnten Alltagstrott finden will, als sie erfolglos versucht, den abwesenden Aidan per Mail und Handy zu erreichen, als ihre Freunde und Bekannten ihr mit seltsam zurückhaltendem Respekt begegnen, dämmert es dem Leser, was Anna erst viel später ins Bewusstsein sinkt: Aidan ist tot. Verzweifelt wehrt sie sich gegen diese Erkenntnis, durchläuft alle Phasen der Trauerbewältigung, inklusive diejenigen, in denen man Selbsthilfebücher mit weinerlichen Erfahrungsberichten wälzt, nach versteckten "Zeichen" fahndet und mit allen Mitteln versucht, noch einmal mit dem Verstorbenen zu kommunizieren. Doch am Ende findet sie ganz alleine heraus, was Aidan ihr vor seinem Tod noch sagen wollte und muss sich dieser schmerzhaften Enthüllung stellen. Auf beschwingt plaudernde Art führt Marian Keyes den Leser in dieser Geschichte um Tod und Verlust durch ein hochemotionales Terrain. Mit amüsanten Nebenfiguren und -handlungen, wie zum Beispiel der absolut schrägen Gangstergeschichte, der Annas Schwester Helen auf der Spur ist, den herrlich überzeichneten Gestalten aus der Spiritisten-Szene oder dem ewigen Gezanke von Annas Mutter mit der Schwester Rachel um deren Hochzeitsvorbereitungen, führt die Autorin leichtfüssig durch die Geschichte und schreibt, wie ihr der Schnabel gewachsen ist: manchmal deftig, einfühlsam und oft zum Schreien komisch. Dieses Buch ist erfrischend leichte Kost, es ist schnell gelesen, weil man es kaum aus der Hand legen kann. Obwohl man als Leser weiss, oder zumindest spürt, worauf die Geschichte hinausläuft, will man doch die Entwicklung der Dinge, und vor allem die liebenswert-schrägen Mitmenschen Annas, auf keinen Fall verpassen. Die Figuren sind sehr schön gezeichnet, es fällt leicht, sich in sie hineinzuversetzen und ihre Stimmungen nachzuvollziehen. Kapitelweise kann es etwas langatmig sein und mehr als einmal driften einzelne Episoden ins Klischeehafte ab, doch alles in allem ist es köstlicher Frauenroman, der ein lachendes und ein weinendes Auge hinterlässt. © by Hannah Keller 2.08.2007
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![]() Gioconda Belli Das Manuskript der Verführung Peter Hammer Verlag ISBN: 3779500353 |
Die 17-jährige Schülerin
Lucía lebt seit dem Tod ihrer Eltern in einer Klosterschule in
der Nähe von Madrid, als sie dem älteren
Universitätsdozenten Manuel begegnet, der sich auf die spanische
Renaissance spezialisiert hat. Der Historiker erforscht mit einem an
Bessessenheit grenzendem Eifer das bewegte Leben der unglücklichen
spanischen Königin Johanna – auch bekannt als „Johanna, die
Wahnsinnige“. Mit psychologischer Finesse überzeugt Manuel die
junge Frau, mithilfe seiner Erzählungen über die
aussergewöhnliche Johanna in deren Gefühlswelt einzutauchen
und diese Empfindungen mit ihm zu teilen. Schon bald trifft sich
Lucía heimlich mit Manuel in dessen Wohnung, verkleidet sich
als Johanna und lässt sich auf dieses gefährlich und
obsessive Spiel ein, das sie in ein Spanien am Ende des 16.
Jahrhunderts führt. Geführt durch Manuels
Geschichtskenntnise erlebt Lucía als Johanna das Kennenlernen
ihres Ehemannes Philipp des Schönen, mit dem sie zeitlebens eine
leidenschaftliche und oftmals zerstörerische Liebe verband. Sie
taucht so tief in die Persönlichkeit dieser bemerkenswerten
historischen Gestalt ein, dass sich die Grenzen zwischen den Leben
der beiden Frauen immer mehr verwischen. Was Johanna einst erlebte,
erfährt nun auch Lucía am eigenen Leib – und das mit
dramatischen Folgen.
Gioconda Belli hat in diesem Roman eine kraftvolle historische Figur mit einer jungen Frau aus der Gegenwart verknüpft. Aus dem einsamen Mädchen ohne Eltern entwickelt sich nach und nach eine sinnliche, körperbewusste, starke Frau, die ihr Leben in die Hand nehmen und gewichtige Entscheidungen treffen muss. Die historischen Details zu der spanischen Königin Johanna sind sehr gut recherchiert, durch die Erzählungen Manuels werden sie auch für den Leser zum Leben erweckt und zeigen eine Frau, die durch unglückliche Fügungen des Schicksals zu einem Spielball der Macht wurde. Von ihren Liebsten benutzt und herumgeschoben, kämpfte diese außerordentlich gebildete und intelligente Frau mit der einzigen Waffe, die sie hatte: ihrem Körper. Dafür wurde sie verachtet, bestraft, als wahnsinnig verschrieen und für lange Jahre eingesperrt – zuerst von ihrem Mann, dann von ihrem Vater und schließlich von ihrem Sohn, die allesamt die Macht für sich haben wollten. Die Autorin versteht es, geschickt die Geschichten von Johanna und Lucía miteinander zu verweben und entfesselt vor dem inneren Auge des Lesers ein wahrhaft sinnliches und gefühlvolles Feuerwerk, das zuweilen von beklemmender Intensität ist. Wo endet Johanna, wo fängt Lucía an? Inwiefern schlüpft Manuel in die Rolle von Philip, der Johanna dominieren wollte und doch nicht ohne sie auskam? Viele feine fragende Fäden werden hier gesponnen, die quälende Zerrissenheit der beiden Frauen wird sehr eindringlich heraufbeschworen. Der Leser kann von Anfang an tief in die Geschichte eintauchen und wird durch große Teile von ihrer unheimlichen Energie und Stärke mitgetragen. Am Ende jedoch wird die Situaion für meinen Geschmack etwas zu rasch aufgeklärt, der intensive Aufbau entlädt sich mit einem Mal, so als ob der Autorin der Atem ausgegangen wäre. Totzdem ist „Das Manuskript der Verführung“ ein großartiges Buch über die Kraft der Frauen, die sich, zum Teil noch immer, in einer männlich dominierten Welt durchsetzen müssen. Mit ihrer sehr ausdrucksstarken und schöpferischen Sprache erzählt Gioconda Belli eine historisch interessante sowie emotional intensive Geschichte, die am Schluss einen tiefen Seufzer in der Brust hinterlässt. |
![]() Jodi Picoult Die Wahrheit meines Vaters Piper ISBN: 3492048862 |
Delia
Hopkins wirbelt eine Erinnerung
an ihre Kindheit im Kopf herum und lässt sie nicht mehr los: Sie
ist noch ein kleines Mädchen und pflanzt in einem Garten ein
Zitronenbäumchen, tanzt darum herum bis ein Mann sie
„Grilla“
nennt und sie mit ins Haus nimmt. Doch dort wo sie mit ihrem Vater
aufgewachsen ist, konnten keine Zitronenbäumchen gedeihen... Delia
steht nun kurz vor ihrer
Hochzeit mit dem Anwalt Eric, als plötzlich die Polizei vor der
Tür steht und ihren Vater Andrew, den angesehenen Leiter eines
Seniorenheims, verhaftet. Er war Delia ein Bilderbuchvater und hat ihr
nach dem frühen Unfalltod ihrer Mutter eine unbeschwerte
Kindheit voller Liebe ermöglicht. Doch nun wird dieser Mann
abgeführt und beschuldigt, ein anderer zu sein, er wird angeklagt, seine
Tochter aus dem Haus ihrer Mutter entführt zu haben. Für
Delia bricht eine Welt zusammen. Ist ihre gesamte Vergangenheit gar
nicht wahr? Ist ihr Vater ein ganz anderer, als sie ihn für
zweiundreissig Jahre zu halten schien? Und wenn er nicht ist, was er
vorzugeben schien, wer ist dann Delia?
Zusammen mit ihrem Verlobten Eric und dem langjährigen Freund Fitz macht Delia sich auf die Suche nach ihrer Vergangenheit und die drei entrollen einen eng verwobenen Teppich aus Lügen, unausgesprochenen Gefühlen und verschwiegenen Problemen. Delia, das einst verschwundene Kind, sucht heute selber mit ihrem Hund nach verlorenen Menschen, doch als sie nun auf der Spur des Mädchens ist, das sie einmal war, stösst sie auf Geheimnisse, die, sorgsam verwahrt und versteckt, offenbaren, wie es wirklich war. Oder doch nicht? Wem kann sie noch trauen? Wer kennt die Geschichte, die sich vor so langer Zeit ereignet hat und erzählt die Wahrheit, die nicht von verletzten Gefühlen verzerrt ist? Jodi Picoult erzählt diese intensive Geschichte aus verschiedenen Perspektiven. Mit Delia liest man sich durch die verwirrten Gefühle, den Schmerz und die aufkeimenden Erinnerungen. Man kann mit ihr nachvollziehen, wie schlimm es für sie wäre, ihre eigene Tochter zu verlieren, man versteht ihre Trauer um den vermeintlichen Verlust ihrer Mutter, und das Gefühlschaos, als sie endlich doch noch mit ihr zusammentrifft und trotzdem nichts so ist, wie es sein sollte. Eric erzählt seine Geschichte, in der er verzweifelt versucht, Delia zu helfen und ihren Vater aus dem Gefängnis zu holen, und in der er einmal mehr in seinem Leben zermahlen wird zwischen zwei Fronten, denn auch ihn quälen Erinnerungen an eine Vergangenheit, die mit der Geschichte von Delias Mutter eng zusammenhängt. Mit dem Freund Fitz sieht man Delia durch das Auge eines Mannes, der jahrelang nicht das bekam, was er sich eigentlich so sehnlichst gewünscht hat und dem nur noch bleibt, über das zu schreiben, was ist und was war. Andrew entfaltet nach und nach die Beweggründe für seine Tat und wirft so manche Frage auf, wie man selbst wohl gehandelt hätte, wäre man an seiner Stelle gewesen. Durch ihn bekommt man auch einen Blick auf das harte, skrupellose Leben in amerikanischen Gefängnissen, wo es mit jedem Tag ums nackte Überleben geht, ein Thema, das Andrew schon seit Jahren begleitet. Und schliesslich kann man von Delias Mutter erfahren, wie viel Kummer es macht, ein Kind zu verlieren, und wie schwer es ist, diesem nach langen Jahren wieder gegenüber zu stehen. Diese Einblicke in die Charaktere der Figuren machen dieses Buch fesselnd und sehr spannend. Durch die verschiedenen Perspektivenwechsel bleibt die Story flüssig und interessant. Die Autorin verzichtet auf spektakuläre Wendungen und klischeehafte Emotionsausbrüche. Hier wird mit ruhigem Unterton eine Geschichte erzählt, in welcher die Motive der Figuren in jedem Fall nachfühlbar und für jeden einzelnen auf seine Weise echt sind. Dies ist ein faszinierendes Buch, das bis zum Schluss eine Frage im Raum stehen lässt: Jeder Mensch hat seine eigenen Erinnerungen, seine eigene Realität - Welche davon ist wahr? |
![]() Jodi Picoult Beim Leben meiner Schwester Piper ISBN: 3492247962 |
Mit dem Eintritt ins Teenageralter beschäftigen Anna viele Fragen: Wer ist sie wirklich? Wäre sie ohne ihre schwerkranke Schwester ein ganz anderes Mädchen geworden, oder würde sie dann gar nicht existieren? Was sehen ihre Eltern Brian und Sara und ihr älterer Bruder Jesse in ihr - nur ein Ersatzteillager oder eine eigenständige Persönlichkeit? Ist Anna reif genug, die Entscheidungen über ihren Körper selbst zu treffen und auch die Konsequenzen daraus zu tragen? Darüber soll ein Richter mithilfe der Verfahrenspflegerin Julia befinden. Doch das ist gar nicht so einfach, denn was im Verlaufe der Verhandlungen an die Oberfläche gespült wird, ist für keinen der Beteiligten so leicht zu bewältigen. „Beim Leben meiner Schwester“ ist Jodi Picoults Vorgänger vom oben besprochenen Buch „Die Wahrheit meines Vaters“. Schon in diesem Buch benutzte die Autorin die verschiedenen Erzählperspektiven, um den Figuren mehr Dimensionalität zu verleihen. Durch Anna erfährt man, wie es ist, in einem Haus aufzuwachsen, über dem ständig die Bedrohung von Kates Leukämie schwebt. Sie erzählt, wie ihr langsam bewusst wurde, dass ihre Existenz an das Überleben ihrer Schwester und das Wohlbefinden der ganzen Familie gekoppelt ist. Aus Saras Sicht erfährt man von der Verzweiflung einer Mutter, die bereit ist, alles erdenklich mögliche zu tun, um ihre Tochter vor dem Tod zu retten und wie schwierig es ist, dabei den beiden anderen Kindern gerecht zu werden. Was dieser permanente Kampf um Kate für ihren Bruder bedeutet, erfährt man von Jesse, der mit seinen eigenen Mitteln darum kämpft, endlich wahrgenommen zu werden und in diesem Chaos nicht unterzugehen. Der Anwalt Campell und die Verfahrenspflegerin Julia finden sich plötzlich in einer verstörten Familie wieder, und haben doch ihre eigenen, schwierigen Geschichten zu erarbeiten. Und schliesslich erlebt man mit Brian die Hilflosigkeit eines Vaters, der zwar ein mutiger Berufsfeuerwehrmann ist, doch die eigenen Brände in seiner Familie nicht zu löschen vermag. Von ihm stammt auch der Satz, der mich in diesem Buch am allermeisten beeindruckt hat. Als einen Brand bekämpft, ruft er sich die wichtigste Regel seines Berufes ins Gedächtnis: „Die Sicherheit der Rettungskräfte kommt vor der Sicherheit des Opfers. Immer.“ Mit diesem Satz im Hinterkopf bekommt Annas Geschichte eine ganz neue Bedeutung und verleiht der Erzählung eine ungeahnte Dramatik. Denn wer ist Opfer und wer Retter? Geschickt verflicht die Autorin alle ihre Figuren ineinander und macht damit eindrücklich klar, dass es jeweils nicht nur eine Sicht der Dinge, nicht nur „richtig“ oder „falsch“ gibt. Auch als Leser wird man hin- und hergerissen zwischen verschiedenen Emotionen und Erlebnissen der Figuren. Auch in diesem Buch liest sich diese ergreifende Geschichte sehr flüssig und spannend, sie lässt einen kaum los, und in Windeseile gelangt man zu ihrem überraschenden und tragischen Ende. Und selbst, wenn man das Buch schon eine Weile zur Seite gelegt hat, bleibt die Story noch im Gedächtnis haften. Ein wahrhaft nachhaltiges Lese-Erlebnis! |